Die Bedenken sind frei

Martinsmarkt bei strahlend-warmem Sonnenwetter. Unendlich viele Menschen sind auf den Beinen, bummeln über den mit Hütten und kulinarischen Ständen gesäumten Boulevard.

Die Gesichter jedoch erinnern mich manchmal an eine Zwangsveranstaltung, so lustlos bis missmutig schlendern viele durch den Sonntag; und einige beschweren sich lauthals, dass es viel zu warm ist für November.

Ein Stand mit Fußkissen in leuchtenden Farben entlockt Vorbeiziehenden ein fröhliches Lachen. Immer wieder machen sich Menschen gegenseitig auf diese praktische Kreation aufmerksam, ganz oft verbunden mit einem „was für eine schöne Idee“. Und viele lassen eine Hand oder beide in den kuscheligen Fußlöchern verschwinden, während ein Lächeln ihr Wohlbefinden anzeigt.

Aber dann ist auch schon Schluß mit lustig: Am Ende der haptischen Erkundung geht ihr Gesicht zurück in den Ausgangszustand und Bedenken artikulieren sich: „Schön sind die und so weich und warm! Aber was ist, wenn ich aufstehen muß? Dann falle ich hin!“

Falls die Person sich nicht selbst bedenklich äußert, ist garantiert eine Begleitung in ihrer Nähe, die genau das tut und behauptet, die Person würde ganz bestimmt hinfallen, wenn sie das Teil benutzt und aufstehen müßte. Einige besonders interessante Paardialoge: SIE sinngemäß „damit könnte ich mir gut meine Füsse wärmen.“ ER antwortet eine dieser Varianten:

  • „Dafür hast du mich, da brauchst du sowas doch nicht.“
  • „Kommt nicht in Frage! Wer soll mir denn dann mein Bier aus dem Kühlschrank holen?“
  • „Nein, damit fällst du nur hin, wenn du zum Klo mußt.“
  • „Und was ist, wenn es an der Tür klingelt oder das Telefon? So schnell kommst du doch gar nicht aus den Puschen raus!“

Nur einmal erlebte ich diese Mannerantwort: „Dann such dir doch eins aus und kauf es dir!“ Sie wählte strahlend aus der Vielfalt ein sommerbuntes Teil.

Für mich sind immer wieder zwei Dinge faszinierend:

  • Dass Menschen sich aus Angst vor einer vermeintlichen Gefahr von Freude und Wohlbefinden selbst abschneiden.
  • Dass Menschen wegen ihrer eigenen Bedenken andere dazu bringen, auf Freude und Wohlbefinden zu verzichten.

Angst – vor was und wie klein auch immer – knipst Freude aus: Kein Wunder, dass uns im Alltag so wenig strahlende Gesichter begegnen.

 

Das Erbe

Ich schaff’ das nicht.
Alles bricht über mir zusammen.
HILFE!
Ich komme ins Trudeln, stürze ab.

So fühlt sich das immer wieder bei ihr an und dann muß sie es heraus schreien, den Tränen freien Lauf lassen, um ihren inneren Druck abzubauen. Die Auslöser sind IMMER finanzieller Natur.

Auf diesem monetären Terrain vereinen sich ihre diversen Ängste, toben sich aus mit tief sitzender Panik, breitet sich aus in jeder Pore ihres Körpers, zieht ihr gefühlt den Boden unter den Füssen weg.

Sie holt sich Hilfe von außen, läßt eine neutrale Person auf ihre Geschichte schauen, wechselt die Perspektive und erkennt, dass sie ihre Ängste bereits mit der Muttermilch aufgesogen hat. Denn diese panische Existenzangst hatte auch ihre Mutter, Monat für Monat. Zumindest so lange, wie ihr Vater lebte. Der hat zwar das Geld für die Familie verdient, aber er war in den Augen ihrer Mutter gleichzeitig der finanziell Unberechenbare.

Und diese Existensangst ihrer Mutter wiederum stammt aus den Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit und dem tiefen Fall nach dem frühen Tod ihrer Mutter, als ihr Vater in der Weltwirtschaftskrise sämtliches Vermögen verlor und als alleinerziehender Mann & Selbständiger aus der gutbürgerlichen Mittelschicht in die finanzielle Armut rutschte.

Als sie mit jeder Faser ihres Wesens begriff, dass sie ihre Ängste von zwei Generationen geerbt hatte, konnte sie sich davon verabschieden und eine jahrzehntelang gespeicherte Information löschen.

Das war ihr Start in ein entspanntes und um ein vielfaches leichtere Leben.