Zugfahrt nach Passau

Es ist Freitag und ich rolle per Zug ins Wochenende. Ruhe zufrieden in mir selbst und bin auf flirten eingestellt. Der gut aussehende Schaffner hat lange in meinem Abteil gestanden. Ich genieße die Abendsonne, das gleichmäßige Geräusch der Räder und mit dem Zug meinem Ziel entgegenzurollen.

Zum Abendessen setze ich mich an einen Tisch im fahrenden Restaurant. Vor mir ein weibliches Duo in einen Monolog vertrieft: „Sag mal, kennst du eigentlich Lourdes oder Fatima? Besser ist ja noch Campo la Bostella. Ich war ganz tapfer, hab’ sogar den Kreuzweg mitgemacht. Ja und was ich da alles gehört habe, da gab es zum Beispiel so einen Fall ……“. Die andere isst wortlos ihr Schnitzel, leert ihr Glas und giesst sich erneut aus der Rotweinflasche ein.

Links von mir sitzen drei Männer mit Bierflaschen, die sich Geschichten über die Folgen des Rauchens erzählen. Jeder kennt mindestens einen, der ein amputiertes Raucherbein hat oder Lungen- oder Kehlkopfkrebs. Am Ende meint einer „ich geh jetzt mal eine rauchen“. Die anderen schließen sich ihm an.

Der Zug gleitet durch Gärten und Obstplantagen, vorbei an alten Stadtmauern, Häusern, den Fluß entlang. Rote und gelbe Rosen säumen den Schienenweg. Ich reise, genieße und lasse mich verzaubern von der Intensität des Augenblicks.

Freitagmittag

Ich spüre diese Stille in mir. Ein tiefer Friede und ein eins sein mit „allem“ – auch mit der flirrenden Sommersonnentemperatur des Tages. Eine Amsel singt ihr Lied in der Kastanie vor meinem Domizil.

Heute Morgen kurz nach 6 Uhr war ich bereits an der Tankstelle und habe mein Auto mit dem Hochdruckreiniger von den Früchten der Lindenbäume befreit, unter denen er die letzten fünf Tage geparkt hatte.

Eine große Betriebsamkeit herrschte trotz Ferienzeit in den Strassen und ich dachte an meinen Vater; der war Gleisschweißer bei der Deutschen Bundesbahn. Im Sommer fingen er und seine Kollegen bereits um 4 Uhr morgens mit den Schweißarbeiten an, unterbrachen über Mittag für ein paar Stunden die Arbeit, um ab späten Nachmittag bis in die Nacht hinein weiter defekte Gleise zu reparieren.

Seit der Hochsommer angekommen ist, koche ich mir täglich Früchtetee, fülle den in 0,75 l Glasflaschen, lasse ihn abkühlen und peppe damit geschmacklich mein Leitungswasser auf, von dem ich aktuell ca. vier Liter trinke statt der sonst üblichen zwei. Ich liebe diese Temperatur und kann auch bei 40° im Raum tief und fest schlafen. Gestern Abend waren es allerdings lediglich 37°C, die sich bis heute Morgen auf 28° reduziert hatten 🙂

Nachdem ich heute Morgen eine halbe Ananas gefrühstückt habe, wollte mein Körper heute Mittag chinesische Hühnersuppe. Die bekam er auch. Und danach einen kleinen, starken Espresso. Jetzt fühlt er sich rundum wohl und ich kann gestärkt und entspannt den zweiten Teil meines Tagwerkes angehen. Wow, geht’s mir gut 🙂

Wer bin ich

Bin ich das, was ich im Spiegel sehe? Und wer bin ich, wenn ich mich nicht sehe?

Bin ich das, was andere über mich denken? Und wer bin ich, wenn niemand etwas über mich denkt?

Bin ich die Funktion, die ich erfülle oder die Rolle, die ich übernommen habe? Und wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere und keine Rolle mehr spiele?

Bin ich das, womit ich mich identifiziere – mein Mann, meine Frau, meine Eltern, meine Kinder, mein Unternehmen, meine Arbeit, mein Haus, mein Auto, mein Reichtum? Und wer bin ich, wenn alles weg ist – verliere ich dann meine IDENTITÄT?

Teufel im Fluss

Ich weiß nicht, was der Auslöser war. Vielleicht eine Akupunktur meiner chinesischen Ärztin am Vortag, die alles zum Fließen bringen sollte, was sich in meiner Mitte staute.

Der Morgen fing eigentlich ganz harmlos an. Ich wachte relativ schmerzfrei auf, hatte keine eingeschlafenen Arme und die Krämpfe in meinen Beinen blieben aus. Ich stand auf, ging ins Bad, putzte mir die Zähne und schaufelte mir warmes Wasser ins Gesicht. Dann platzierte ich meine weichen Kontaktlinsen auf den Augäpfeln und betrachtete mich im Spiegel. „Ganz schön alt für mein Alter“, schoß es mir dabei durch den Kopf. Sofort meldete sich mein Gewissen: „Du siehst nicht alt aus, sondern reif. Das sind Lebenslinien und Erfahrungen und Deine grauen Haare ein Zeichen von Weisheit.“

Ich schluckte diese Weichmacher runter, erinnerte mich aber gleichzeitig an einen Spruch meiner Mutter. Die hatte bis zu ihrem 70. Geburtstag lediglich zum Lesen eine Brille angezogen und zum Kartoffeln schälen. Dann leistete sie sich auf mein Drängen eine Brille mit Gleitsichtgläsern und war entsetzt als sie damit zum ersten Mal die Welt betrachtete: „Oh mein Gott, ist das hier überall schmutzig. Meine Güte, wieviele Falten ich habe. Das ist ja schrecklich.“ Plötzlich sah sie alls klar und scharf. Ein Stück Illusion ging verloren. Später, als sie krank wurde, hat sie die Brille nicht mehr getragen und sich wieder in ihrer unscharfen Welt eingerichtet.

Um mich mit meinem Anblick zu versöhnen, tönte ich meine Haut sonnig, feuchtete meine Haare an, die dann dunkler erscheinen, tuschte die Wimpern wasserfest und färbte meine Lippen bräunlich Rot.

Irgendwann an diesem Tag stieg Hass in mir auf. Spontan und grundlos. Hass auf den Typen neben mir, der mir seit einiger Zeit bei Begegnungen mit ihm seine Schmerzen bis ins kleinste Detail schilderte.

Hass auf den Typen, der mich anmachte weil er meinte, ich hätte mein Auto zu nah an seinem geparkt und er könne mit seinem Polo aus der Parklücke hinter mir nicht rausfahren, obwohl vor und hinter diesem Spielzeugauto genug Platz war.

Hass auf den Handwerker, der den Putz von der Wand kratzt, ohne vorher die Musikinstrumente abzudecken, obwohl ich ihn ausdrücklich darum gebeten hatte.

Hass auf all diese Menschen, die mir begreiflich machen wollen, dass alles doch gar nicht so schlimm ist, dass ich doch eigentlich gar keinen Grund hätte, mich zu beklagen, weil ja alles auch viel schlimmer kommen könnte. Und dass alles nur eine Sache des Blickwinkels sei und ich nur einfach positiv Denken müßte und schon wäre alles besser. ICH WILL ABER NICHT!

Das Fass zum Überlaufen brachte an diesem Tag ein lieb gemeintes Geschenk von einer lieben Freundin: „Das kleine Buch der Engel“ von Anselm Grün. Ich blätterte darin und las dieses Gesülze über Licht in die Finsternis lassen, positive Gedanken pflegen und jemanden einen Engel an die Seite stellen.

VERDAMMT NOCH MAL: Warum schenkt mir niemand ein Buch über Teufel? Warum stellt mir niemand einen Teufel zur Seite, der mich beschützt und leitet? Warum darf ich kein Teufel sein? Yin und Yang gehören in Asien zusammen. In der westlichen Welt will jeder nur ein Engel sein oder haben. Den Teufel in uns vernachlässigen wir. Den verstecken wir. Zu dem will niemand stehen, sich dazu bekennen, auch mal gerne ein Teufel zu sein. Außer im Karneval. Vielleicht ist er deshalb so präsent, denn wir bekommen angeblich doch immer das, was wir nicht wollen.

Es war der Tag, an dem ich mein Selbst-Experiment startete: Was passiert, wenn ich immer genau das tue, was normalerweise nicht erstrebenswert erscheint?

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mir die Wanne voll heißes Wasser laufen liess, rotes Badesalz einstreute und mir vorstellte, dass das mein Blut ist, mit dem ich den ganzen angestauten Altkram aus mir heraus fliessen lasse 🙂

Lebensabschnittsfreund

Eigentlich mochte sie ihn nicht besonders, mit seinem spießigen Gehabe, den fettigen Haaren und Mundgeruch. Er gehörte zum Freundeskreis ihres neuen Mannes, war verheiratet, hatte zwei halbwüchsige Töchter, lebte aber von seiner Familie getrennt in der Wohnung einer etwas älteren Frau mit Tochter. Sie hatte die beiden kennengelernt in der Wohnung der Frau: Die Frau vor dem Fernseher strickend und er daneben, das Wollknäuel haltend. Beide vom Outfit her grau, bieder, muffig und älter als ihre tatsächliche Jahreszahl. Man traf sich auf Geburtstagen, wo stets eine größere Anzahl Menschen Stillphasen überdeckte, denn sie wußte nicht, worüber sie mit ihm und ihr reden sollte. Die Frau hatte dienstags ihren Bridgeabend außer Haus, auch das paßte in die Spießigkeit.

Im Laufe der Jahre entspießte er sich, begann zu malen, entfette seine Haare, wurde sympathisch-jungenhaft – allein der Mundgeruch blieb. Sie verbrachten angenehme Stunden zu viert – sie sich mit ihm unterhaltend und ihr Ehemann mit ihr. Als ihre Ehe zu kriseln begann, wurde er ihr Freund und Seelentröster, denn er kannte ihren Mann schon sehr lange, verstand die Probleme nur zu gut, tauchten die doch immer wieder in dessen Beziehungen auf. Er sprach offen mit ihrem Mann darüber, versuchte zu vermitteln.

Irgendwann im Sommer, als ihr Mann in Urlaub weilte und es Dienstag war, rief er sie an und lud sie zu einem Spaziergang ein. Sie genoß den Sommerabend am Fluß, das Gespräch mit ihm, seine Aufmerksamkeit. Er gab ihr seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl von Gelöstheit, weit ab von ihren Eheproblemen und zuhörend ihren Alltagsgeschichten.

Sie fuhren zum Essen an einen See. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Restaurant hängte er sich locker in ihren Arm ein, blieb irgendwann unvermittelt stehen, küßte sie sanft auf die Wange, streichelte ihre Haare. Sie legte den Kopf an seine Schulter, engumschlungen gingen sie zum Restaurant und setzen sich auf die Terrasse. Von da an trafen sie sich regelmäßig im Restaurant am See, meistens dienstags. Er schenkte ihr Zeit, Worte, Verständnis, Zärtlichkeit und sie vergaß die Anspannungen ihres Alltags.

Drei Jahre später. Es war wieder Sommer. Sie hatte die Scheidung eingereicht und traf ihn zum Essen am See. Beide wußten sie, dass es das letzte Mal war. Zwar wollte er den Kontakt halten, auch ihr Freund bleiben nach der Trennung von ihrem Mann. Aber er war der Freund ihres Mannes und sie wußte aus Erfahrung, dass nach einer Scheidung aus „uns“ wieder „dein“ und „mein“ wird. Auch bei Freunden. Scheiden heißt gehen und neu anfangen.

Und so trennten sie sich ohne Tränen in dem glücklichen Bewußtsein, einen Lebensabschnitt lang einander ziemlich beste Freunde gewesen zu sein.

Überall Roland :-)

Reiher waren die Lieblingsvögel meines Mannes. Er hat sie beobachtet, sich für ihren Flug begeistert, ihren Auf- und Abtrieb berechnet und sich immer wieder aufs Neue über die Begegnungen mit ihnen gefreut.

Naturwissenschaftler und Bioniker war Roland und im Sinne des Energieerhaltungssatzes glaubte er daran, dass auch die Energie eines Menschen nach seinem Tode erhalten bleibt, lediglich die Form wechselt.

Im Februar 2012 wechselte er seine Form. Seitdem ist für mich jede Begegnung mit einem Reiher eine Begegnung mit Roland.

Heute auf meiner Wanderung durch den Monheimer Rheinbogen kreuzten ungewöhnlich viele Reiher meinen Weg, umtanzten mich, staksten auf mich zu, um sich kurz vor mir in die Lüfte zu schwingen.

An Tagen wie diesen spüre ich ganz stark, dass Roland mich auch weiterhin liebevoll begleitet und sich daran erfreut, dass ich glücklich bin in meiner Welt. Und ich bin ganz sicher, er ist es in seiner neuen Welt ebenfalls 🙂

Wenn bis wie

Wenn ich Sterne funkeln sehe, denke ich an Abstand in der Zeit, merke schräge Blicke in meinem Ohr.

Wo bleibst du auf meiner Spur? Kommst du oder gehst du? Mit wem teile ich dich? Wann wird es morgen?

Ich verklebe mir das Auge, um meinen Emotionen zu entfliehen.

Warum ist es dunkel? Wenn ich wach bin und nicht müde gehe ich nicht schlafen – aber was sonst?

Wie komme ich in meinen Himmel? Über die stiegen oder die Treppe zum Hof? Wer hat mir den Tisch vor das Fenster gestellt?

Das Erbe

Ich schaff’ das nicht.
Alles bricht über mir zusammen.
HILFE!
Ich komme ins Trudeln, stürze ab.

So fühlt sich das immer wieder bei ihr an und dann muß sie es heraus schreien, den Tränen freien Lauf lassen, um ihren inneren Druck abzubauen. Die Auslöser sind IMMER finanzieller Natur.

Auf diesem monetären Terrain vereinen sich ihre diversen Ängste, toben sich aus mit tief sitzender Panik, breitet sich aus in jeder Pore ihres Körpers, zieht ihr gefühlt den Boden unter den Füssen weg.

Sie holt sich Hilfe von außen, läßt eine neutrale Person auf ihre Geschichte schauen, wechselt die Perspektive und erkennt, dass sie ihre Ängste bereits mit der Muttermilch aufgesogen hat. Denn diese panische Existenzangst hatte auch ihre Mutter, Monat für Monat. Zumindest so lange, wie ihr Vater lebte. Der hat zwar das Geld für die Familie verdient, aber er war in den Augen ihrer Mutter gleichzeitig der finanziell Unberechenbare.

Und diese Existensangst ihrer Mutter wiederum stammt aus den Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit und dem tiefen Fall nach dem frühen Tod ihrer Mutter, als ihr Vater in der Weltwirtschaftskrise sämtliches Vermögen verlor und als alleinerziehender Mann & Selbständiger aus der gutbürgerlichen Mittelschicht in die finanzielle Armut rutschte.

Als sie mit jeder Faser ihres Wesens begriff, dass sie ihre Ängste von zwei Generationen geerbt hatte, konnte sie sich davon verabschieden und eine jahrzehntelang gespeicherte Information löschen.

Das war ihr Start in ein entspanntes und um ein vielfaches leichtere Leben.

Jackentausch

Sie hatten im Restaurant zu Mittag gegessen und jetzt wollte jeder wieder zurück in seinen Arbeitsalltag.

Er half ihr ganz Gentleman in ihre Jacke. Sie dankte ihm lächelnd, küsste ihn auf die Wange und sie verließen gemeinsam das Restaurant.

Auf dem Gehweg griff sie in die rechte Jackentasche und vermisste ihren Autoschlüssel. Okay, dann hatte sie ihn wohl in die Handtasche gesteckt. Nein, auch dort kein Autoschlüssel.

Er ging zum Auto und sah nach, ob der Schlüssel vielleicht noch steckte. Nein, kein Schlüssel im Schloß und das Auto war abgeschlossen.

„Komisch“ meinte sie und tastete ihre Jacke von oben nach unten ab. Sie fühlte etwas, zog es aus einer Tasche heraus und lachte: „Ach wie lustig, ein Handy, aber nicht meines“.

Dann war klar, dass er ihr in die falsche Jacke geholfen hatte und sie gingen laut lachend zurück ins Restaurant zum Jackentausch. Und in der war dann auch ihr Autoschlüssel 🙂

Wenn ich ein Milan wär‘

Gesichtsschabracke und Friedhofsverweigerer laufen „keine Zeit“ murmelnd an mir vorbei, gehen gemeinsam zum Mumienschieben.

Guten-Tag-wünschen irritiert die Menschen, auf sie zu gehen irritiert sie auch, und sie anschauen stürzt sie in ein Chaos.

Manche heben den Kopf an, andere schweifen auf die andere Seite ab oder verstärken ihr Missmutsgesicht.

Glücksgriffe sind die Wiederlächler, die Anschauer und Blickkontakter, die Farben frohen das Leben Genießer.

Wenn ich ein Milan wär’….

ja und – was wäre dann?

Ich würde die Schwingen ausbreiten und fliegen …