Hundert Jahre Freundlichkeit

Annabel schaute sich die Hütte an und fand, sie war richtig gut geworden. Vor drei Tagen hatte Treves mit zwei Kumpels das acht Quadratmeter Tiney House auf diesem Grundstück direkt an der Mauer errichtet. Sie hatte die Vorgaben gemacht für den Innenausbau, um den Raum optimal zu nutzen. Zum Beispiel ein Klapptisch, der an der Wand befestigt war und der mit einem Handgriff zu einer großen Arbeitsplatte wurde, unter dem der Sarg verschwand. Später, wenn sie dauerhaft im Sarg liegen würde, könnte dann zum Beispiel ein zweiter Sarg auf der Tischplatte aufgestellt werden. Vielleicht wollte Treves ja dort mit ihr begraben sein. Der Gute.

Heute erwartete sie Herrn Zepter vom Bauamt, der die Abnahme machen sollte. Er hatte ihr eine ganze Liste von Auflagen gemailt, die sie gestern und heute abgearbeitet hatte. Manches allerdings auf kreative Art und Weise. Jetzt war sie gespannt, mit wieviel Richtlinientreue sich Herr Zepter ans Werk machen würde. Sie kannte ihn bisher nur vom Telefon. Seine Stimme klang jung … und er hatte sich zumindest auf ihre verrückte Idee mit dem Probewohnen eingelassen. Das sprach für ihn.

Still war’s über Mittag auf dem Friedhof. Gegen drei Uhr bog ein Mann mit gemächlichem Schritt auf den Weg, an dessen Ende Annabel im Türrahmen stand. Eine Sonnenbrille trug er und einen Bart, wenn sie das richtig erkannte und in der rechten Hand eine Mappe. Die Linke führte etwas Rauchendes zum Mund. Eine Zigarette oder ein Zigarillo. Beim Näherkommen lächelte er, als er sie in der Sonne stehen sah.

„Frau Schnabel?“ fragte er.

„Die bin ich“ lächelte Annabel.

„Schöner Platz, den Sie sich ausgesucht haben“.

„Das finde ich auch … und viel zu schön, um ihn nur tot zu genießen“ meinte Annabel und grinste.

„Na dann wollen wir mal schau’n, ob alles so seine Ordnung hat.“

Herr Zepter nahm eine Liste aus seiner Mappe, klemmte sich einen Stift hinters rechte Ohr, zückte ein Laser-Entfernungsmessgerät und betrat den Innenraum, nachdem Annabel den Türrahmen freigemacht hatte. Er schaute sich den Sarg sehr genau an, vermaß Länge, Breite, Höhe, begutachtete Scharniere und Beschläge, klopfe auf das Holz, strich mit der flachen Hand über die Oberfläche und griff zu seiner Liste.

„Der Sarg entspricht nur in einem Punkt der Norm, nämlich die glatte Oberfläche“ begann Herr Zepter. „Alles andere fällt aus dem Rahmen. Fangen wir mal mit den Maßen an. Die Höhe bewegt sich noch im Toleranzbereich, die ist also okay. Aber Breite und Länge übersteigen erheblich die Maße für einen Einzelsarg. Ihr Sargmaß benötigt eine Sondererlaubnis, die jedoch nur erteilt wird, wenn die zu bestattende Person mindestens 208 cm lang und mindestens 260 kg schwer wäre. Aber an diese Maße reichen Sie nicht heran, liebe Frau Schnabel.“

„Das ist doch mal wieder typisch deutsche Bürokratie. Die Sarggröße an die Körpergröße zu koppeln. Wieso wird im Tod keine Rücksicht darauf genommen, wie sich die Person zu Lebzeiten gebettet hat?“

„Ich habe die Gesetze nicht gemacht, aber ich denke, die Verfasser gingen davon aus, dass es einem Toten egal ist, wie er liegt.“

„Da waren die alten Ägypter aber anderer Meinung. Die haben dafür gesorgt, dass Verstorbene in ihrer neuen Welt den gewohnten Lebensstil weiterführen konnten.“

„Wir leben aber nicht im alten Ägypten, gnädige Frau“ versuchte Herr Zepter Annabel zu beschwichtigen.

„Das ist richtig. Aber wie soll ich auf Jugendherbergsniveau schlafen, wenn ich Kingsize gewöhnt bin? Und wie soll das funktionieren, wenn mich mein Liebhaber besucht? Zu zweit in so einer kleinen Holzkiste – das wollen sie mir doch wohl nicht wirklich zumuten!“

Herr Zepter blickte irritiert. „Tja, dann klappen Sie doch mal den Deckel auf und lassen mich schaun, wie es innen aussieht, ob zumindest da die Richtlinien eingehalten wurden“.

Annabel hob den Sargdeckel und befestigte ihn mit dem Haken an der Wand. Ein staunendes „Ahhhhhhhhh“ entfuhr Herrn Zepter, als er in ein kunterbuntes Farbenmeer aus gemalten Tulpen, Rosen und Mohnblumen blickte, das sich über Seitenwände und Bettwäsche ausbreitete. Ungläubig lächelnd fragte er „darf ich mich da einmal reinlegen?“

„Aber gerne, Herr Zepter“, lächelte Annabel zurück. „Darf ich sie zum Frühstück einladen?“