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Liebe. Für immer.

03/11/2016 - Texte

Ich bin eine pragmatische Frau, die Dinge anpackt. Und auch der Liebe gerne mal auf die Sprünge hilft. In einer Solophase meines Lebens verfasste ich deshalb eine Heiratsanzeige.

Einer der Bewerber war ein Roland Liebe. Schöner Name, dachte ich. Nettes Foto auch. Deshalb verabredete ich mich mit ihm zu einem Sonntagsbrunch.

Wir sahen, umarmten, küßten uns und nach drei Stunden sagte er zu mir „ich kann mir vorstellen, mit dir für immer zusammenzuleben.“

Unser „für immer“ dauerte exakt 222 Monate und 22 Tage. In dieser Zeit

Roland war mit Leib und Seele Naturwissenschaftler und wenn ihn etwas fesselte, herrschte schon mal Ausnahmezustand. Als seine Bionik-Passion begann wurde ich oft gefragt „womit beschäftigt sich ihr Mann eigentlich so intensiv“, wenn ich einer gemeinsamen Einladung mal wieder alleine folgte. „Mit Vögeln“ war dann meine Antwort. Um ein paar irritierte Blicke oder „Ah, ihr Mann ist Ornitologe“-Ausrufe später zu ergänzen „mit dem Auf- und Abtrieb von Vögeln.“

Als mein lieber Mann nach circa drei Monaten verkündete, dass er jetzt alles berechnet habe, hoffte ich, wir würden wieder zu einem „normalen“ Leben zurückkehren.

„WAS! Wieso denn das? Das war doch nur EIN Vogel. Weißt Du wieviele Vögel es gibt?“

Nein. Wußte ich nicht. Und zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass nach den Vögeln die Libellen, Insekten und Fische kamen.

In dieser Zeit bekam unsere Ehe eine neue Qualität. Wurde auch zu einer Arbeitsgemeinschaft. Denn auch mich interessierten „schon immer“ Natur und Technik. So war ich stets die Erste, die von seinen neusten Gedanken, Berechnungen, Erkenntnissen, Ableitungen und Patentvorstellungen erfuhr. Wir erlebten Glück in allen Facetten – beruflich und privat – genossen unser Leben mit allen Sinnen. Bis zur Krebsdiagnose.

Es folgten Monate der Verzweiflung und Wut, Fassungslosigkeit und Trauer – im Wechsel mit Hoffnung …. Normalität …. und ganz vielen, intensiven Glücksmomenten.

Dann war scheinbar aus heiterem Himmel die Endphase eingeläutet. Die Metastasen hatten sich im ganzen Körper ausgebreitet.

An einem Montagabend überraschte Roland mich und uns mit der klaren Ansage, er wolle nicht mehr kämpfen, sondern würdevoll sterben. Mein Sohn rief seine Freundin an, die alles stehen und liegen lies und sofort zu uns kam. Dann setzten mein Sohn, seine Freundin, Roland, sein Sohn und ich uns zu  einem Kreis zusammen und hielten uns schweigend an den Händen.

Tags drauf nahm sein Sohn von ihm Abschied und flog wie geplant nach Hause und Roland und ich klärten alles, was ihm wichtig war, formulierten gemeinsam seine Todesanzeige, planten detailliert seine Abschiedsfeier. So sollte ich an diesem Tag in der Galerie eine Ausstellung mit seinen Bilder machen – er war auch ein Künstler,  alle Gäste in farbiger Kleidung erscheinen und wir alle zusammen fröhlich seiner gedenken.

Abends und nachdem alles zu seiner Zufriedenheit geregelt war, hatte er riesigen Hunger. An seinem Bett sitzend aßen mein Sohn und ich gemeinsam mit ihm Spinat und Kartoffeln. Danach erzählte er uns von seiner neuen Welt.

„Da will ich mit euch leben. Da ist alles so schön.“ „Wie im Paradies“ fragte mein Sohn. „Ja, wie im Paradies“. „Und was ist mit deiner alten Welt, Roland“ „Die ist zerstört. Vor 2 oder 3 Tagen ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was. Das hat sie zerstört.“

Am nächsten Morgen haben Roland und ich gemeinsam gefrühstückt und dann so lange miteinander geschmust, bis er ganz entspannt in meinen Armen einschlief. Irgendwann in der Nacht hat er seine Atmung eingestellt.

Sterben stellten Roland und ich uns immer so vor, dass der Geist den Körper verlässt und ins Universum wechselt. Oder in ein Lieblingstier – weiß man’s?

Ich jedenfalls begrüße Graureiher immer ganz fröhlich mit „hallo Roland“. Denn das waren hier im Rheinland seine Lieblingsvögel.