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Rosamundetag

02/11/2015 - Texte

Ich liebe es, alleine in ein Café, Restaurant, eine Bar zu gehen. Und dann den Stimmen um mich herum zu lauschen, die sich in unterschiedlicher Lautstärke und Tonlage unterhalten.

Meistens lege ich gleich nach meiner Platzierung mein Notizbuch mit Schreibstift auf den Tisch, um schnell zu reagieren, wenn amüsante, skurrile oder wie auch immer geartete Sätze fallen.

So wie heute in einem Restaurant: Drei Tische vor mir sitzen ein Mann und zwei Frauen, ihrem eigenen Bekunden nach alle über 80 Jahre. Der Mann ist mit der Frau an seiner Seite seit über 50 Jahren verheiratet und ihnen gegenüber sitzt seine ehemalige Schulfreundin, die er bei diesem Essen zum ersten mal seit vielen Jahren wiedersieht.

Irgendwann unterhalten sie sich über ihre Fernsehgewohnheiten. Er liebt Krimis. Die Schulfreundin sagt „Das ist mir zu gruselig, dann kann ich nicht schlafen. Ich schau mir abends gerne Filme an mit schönen Landschaften, das beruhigt mich. So wie heute Abend im 2. Programm. Bei diesen schönen Häusern und Gärten aus England geht mir immer das Herz auf, obwohl man sich die Filme ja eigentlich nicht angucken kann, denn das sind ja Schnulzen hoch drei.“

„Ach Gott“, sagt die Ehefrau, „dass die Leute sich bei Rosamunde Pilcher immer herausreden, sie würden die Filme ja nur wegen der Landschaft gucken. Wie unehrlich ist das denn! Ich stehe dazu: Sonntag ist mein Rosamunde-Kitschtag. Mit Herz und Schmerz und heiler Welt. Ich brauch das und ich liebe das. Und dann kann ich doch wohl auch dazu stehen“ setzt sie mit herausforderndem Ton und leicht ansteigender Stimmlage hinzu.

Er mischt sich ein und fragt, ob die Damen noch einen Cappuccino trinken wollen. Darauf einigen sich dann alle und der Tag scheint gerettet 🙂