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Halligblues 1/2

11/09/2015 - Texte

Es war einmal ein kleines Mädchen, das liebte Geschichten von fernen Ländern und fremden Menschen über alles. Aus dem Mädchen wurde eine Frau, die die Traumorte ihrer Kindheitsgeschichten entsprechend ihren Finanzen bereiste. So auch eine kleine Hallig, auf der sie sich herbstferienzeitlich mit ihrem zweitklässrigen Sohn in einer kleinen Pension einquartierte.

Überwiegend Stammgäste bewohnten die Pension und im Frühstücks-Aufenthalts-Abendessen-Raum trafen sich Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Republik, blieben tischweise auf Distanz.

Ihr erschien die Hallig wie ein Stück Friedenserde: Überschaubar, weitläufig, mit distanzlosem Horizont, stundenweise steinwurfnah erscheinenden Nachbarinseln, anderntags die nächste Warft Kilometer weit erscheinend entfernt, halb im Nebel entrückt. Und über allem ein unablässigwehender Oktobersturmwind…

Morgens nach dem Frühstück drehte sie ihre Runden gegen den Uhrzeigersinn. Ein beruhigendes Alleinsein immer vorwärts gehend und ohne auf den Weg zu achten immer irgendwann am Start-Ziel ankommend. Manchmal begleitete sie der Sohn ein Stück, nahm dann die Abkürzung über eine sternförmig zum Ausgangspunkt führende Straße zurück zum Fernseher der Pension oder ins benachbarte Restaurant zum Käsekuchen essen oder was ihm sonst in den Sinn kam.

Sie überließ ihn angstlos sich selbst: Autos gab es nur wenige auf der Hallig, verlaufen konnte er sich bei der Überschaubarkeit der Warften nicht und das Nordseewasser bildete eine natürliche Begrenzung. Die Priele rechts und links der Straße waren für ihn verlockend, reizten zum Überspringen. Nach der ersten Grenzfindung seiner Sprungweite im Priel, mit nassen Hosen und stinkendem Schlick in den Stiefeln, betrachtete er diese Straßengräben mit Abstand und blieb für den Rest des Aufenthaltes trocken.

Morgens saß sie im Frühstücks-Aufenthalts-Abendessen-Raum gesichtsgewendet zu ihrem Sohn, rückengedreht zum Nachbartisch mit Trio aus zwei Männern mit Frau, an dem eine wohltönende Bassstimme Geschichten erzählte: Witzig, phantasievoll und beifallerwartend laut. Seit Fährankunft am Samstag war ihr diese Stimme immer wieder eindringend begegnet. Es war nach dem Dienstagfrühstück, als die Frau sie fragte, ob sie Lust verspüre, ihr SpazierTrio auf ein Quartett zu erweitern. So ging sie, ungewohnt begleitet, nach dem Frühstück auf die Halligumwanderung. Diesmal im Uhrzeigersinn, was ihr eine neue Perspektive der Landschaft vermittelte.

Der unterschiedliche Rhythmus ihrer Schritte spaltete das Quartett bald in zwei Duos: Sie ging mit dem Bass voraus, ließ sich auf der nächsten Holzbank wartend vom PaarDuo überholen, das mit gemächlichem Schritt und wehendem Cape daherflanierte, setzte dann mit zügigem Wanderschritt die Runde fort, das Paar mit scherzenden Worten überschreitend, bis zum nächsten Halt auf einer Bank, im einzelnen Strandkorb.

Der Bass belustigte sie mit Erzählungen. Er hatte die seltene Gabe, aus jedem Erlebten eine spannende Geschichte zu formen, mit Phantasie auszuschmücken und sich zum Beispiel auszudenken, warum der Strandkorb noch immer auf dem Deich stand, obwohl die anderen doch schon lange abtransportiert waren.Sie hingegen betrachtete den einsamen Strandkorb einfach nur von der praktischen Seite: Natürlich stand er noch dort, um ihr und ihm Schutz vor dem Sturmwind zu bieten und Raum, sich näherzukommen.

In diesem Strandkorb nannten sie sich zum ersten Mal beim Vornamen und entdeckten ihre gemeinsame Liebe für Janosch’s „Oh wie schön ist Panama“, das sie mit ihrem Sohn schon viele Male gelesen hatte, ohne bis dahin einen kinderlosen Erwachsenen kennengelernt zu haben, der dieses Buch ebenfalls kannte und sogar liebte.

Vollends begeistert war sie, weil er sogar eine richtige Tigerente aus Holz und mit Rädern besass, die einen Ehrenplatz hatte in seiner Junggesellenwohnung. Die nahm er manchmal mit in seine Schule, in der er junge Erwachsene unterrichtete, die sich über den Besuch der Tigerente und die Geschichten ihres Lehrers freuten.

Sie spürte Wärme in sich aufsteigen und Zärtlichkeit und eine große Sehnsucht, sich an der breiten Schulter des Basses anzulehnen, ihren Alleinerziehendenalltag für ein paar Stunden zu vergessen und vor dem Schlafengehen von ihm eine Gute-Nacht-Geschichte zu hören, die sie sonst ihrem Sohn vorlas. Er schien es zu spüren, denn seine Bassstimme bekam einen warmen, weichen Klang und seine braunen Bärenaugen funkelten fröhlich.

Gesprächsweise stellten sie fest, dass sie alltags nur wenige Kilometer auseinander wohnten, freuten sich über ihre vielen Gemeinsamkeiten und rückten sich ein Stück näher. In der kleinen Halligkirche mit Sandfußboden und Steinen und Muscheln drauf saßen sie aneinandergelehnt in der Kirchenbank vor dem alten Holzaltar und freuten sich an ihrer aufkeimenden zarten Liebe.

Als die Herbstferienwoche zu Ende ging und jeder in seinen Alltag zurückkehrte, küßten sie sich zum Abschied auf dem Deich wie zwei Ertrinkende. Über ihnen schien die Sonne, lachten Möwen, kreischten Austernfischer – als Grammatik eines stürmischen Tages.