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Halligblues 2/2

07/09/2015 - Texte

Sie trafen sich wieder in ihrem Alltag, liebten sich, feierten seinen runden Geburtstag in einer Straßenbahn fahrend quer durch seine Wohnortstadt und waren zwei Suchende: Sie in ihm den starken Partner, seine Schwäche übersehend. Er in ihr die bewundernde Zuhörerin seiner Geschichten, Sorgen, Alltagsnöte, ihren Kummer überhörend.

Sie glaubten, Liebe werde schon alles richten und versuchten, Unmögliches möglich zu machen, Nähe mit räumlicher Distanz zu wohnen, Liebe mit Raum und Vertrauen zu leben und waren glücklich.

Dann sehnten sie sich nach mehr Nähe, weniger Distanz. Er bezog ihr Haus, denn es bot genügend Platz für sie, den Bass und den Sohn und heirateten, weil er sich an ihrem Sohnesvaternamen störte, sie zu sich gehörend präsentieren wollte.

Beide glaubten, mit diesem Schritt seine Eifersucht auf den Sohn und den Sohnesvater entmachten und ihre Liebe zu ihm für ihn fühlbarer machen zu können. Sie lebten als Vaterbär, Mutterbärin und kleiner Tiger, mit Igeln im Garten und Muschka, der Katze und liebten Janosch’s Geschichten und die seinen.

Es gab Tage mit silberperlender Leichtigkeit im Sein, herzschreiendweit, Wellen zulassend aus Zärtlichkeit, widerspiegelnd die Seele streichelnd: Ausnahmeblicke, einbrennend schön … Und anderntags Sehnsucht nach Haut, Wärme, Zärtlichkeit, Gefühlen, Gemeinsamkeit. Stattdessen beziehungslose Distanz, mit Liebe auf der Strecke und Nähe unerwünscht …

In diesen Monaten überfielen sie dumpfe Schmerzen unbekannter Herkunft und Asthmaanfälle. Die Unfähigkeit, mit Intelligenz Gefühle zu regeln, trotz Ursachengründung Lösungen zu finden, weckten in ihr immer wieder Todessehnsucht. Davon ab hielt sie die Verantwortung für ihren Sohn.

Jahre zogen ins Land, ihre Haare ergrauten, die Asthmaanfälle wurden nächtens unerträglich, lebensbedrohlich. Sie bewohnten getrennte Räume im gemeinsamen Haus, liebten sich schmerzlich. Er ertrank seinen Kummer in Rotwein und Eifersuchtszenen wegen des Sohnes wurden zur Tagesregel, drängten sie immer weiter ab von ihm in die Beschützerolle gegenüber ihrem Sohn.

Zur Hallig reiste sie wegen des Asthmas jetzt oft alleine. In diesen Zeiten, wenn er zu Hause alleine mit dem Sohn blieb, verflog seine Eifersucht auf diesen: Vaterbär und kleiner Tiger genossen sehr die gemeinsame Zeit und er sprach stolz von SEINEM Sohn. Kehrte sie zurück, war alles beim alten und er war wieder eifersüchtig auf den kleinen Tiger.

Sie litten beide sehr, unfähig zueinander zu finden, trotz gesuchter Hilfe von außen. Unfähig aber auch, voneinander zu lassen. „Ich will mit Dir alt werden“, sagte er. „Und ich mit Dir leben“, sagte sie.

Immer wieder führten sie Diskussionen über seine nach seiner Meinung von ihr nicht genügend anerkannten Leistungen, gefolgt oder verbunden mit Eifersuchtszenen wegen des Sohnes und des Sohnvaters. Irgendwann stand sie wortlos auf und ging aus dem gemeinsamen Raum in ihren. Unabhängig voneinander nahmen sie ihre Ringe ab und sie seine Bilder: Sie wollte ihn nicht mehr in ihren Räumen, mit seinem intelligenten Kleingeist und der sprühenden Eifersucht.

Später brachte er ihr eine gelbe Rose, wie jede Woche, seit sie verheiratet waren. Für sie war das ein Ritual, die gelbe Rose als inhaltslose Geste. Überreicht mit Gesicht zu negativem Raum erstarrt und Geist gefangen in leerem Kopf, das Herz steinschwer im Hals. Da wußte sie, es ist Zeit zu gehen.

Die Scheidung reichte sie zu einem Zeitpunkt ein, wo sie sich noch immer liebten und jeder dem anderen wünschte, dass er glücklich wird. Er suchte sich eine neue Wohnung in der nahegelegenen Stadt, die er schon vor ihrem kennenlernen bewohnt hatte und in der er unterrichtete. Sie begann ein neues Leben im alten Haus, in dem sie bereits vorher mit ihrem Sohn gelebt hatte.

„Wir wollten alt werden zusammen und sind grau geworden“, schrieb er ihr. „Alleine irrt der Bär manchmal durch die Stadt, weg von Igeln, Muschka und in Gedanken bei Vernachlässigung notwendiger Gespräche. Immer jedoch mit bleiernder Müdigkeit. Sei es: Ein Neubeginn wird mühsamer als freundliche Unterstützung beim Fahren. Ich frier und wußte es immer, helfe selbst und zitt’re vor den Gutmeinenden, die nie hofften, wie wir.“