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Liebe und so

19/07/2015 - Texte

Mit etwa 15 Monaten wurde sie krank. Gelbsucht.  In einem Krankenhausgitterbett wurde sie isoliert, ohne Begreifen. Endlose Wochen Verlassenheit folterten Körper und Seele, abgeschnitten von Liebe und vertrauten Personen. Sie wurde zur Bettnässerin, magerte ab, schrie, weinte, wurde still. Ihre Diät bestand aus geschmacksneutralem Festbrei, mit dem sie im Gitterbett gefüttert wurde. Ohne Chance, ihren ca. 80 x 120 cm messenden Käfig zu verlassen.

An Sonntagen wurde der Käfig auf den Balkon gerollt und sie betrachtete durch die Gitterstäbe die roten Sandsteinfelsen auf der gegenüberliegenden Flußseite. Grenzenlose Verlassenheit nistete sich ein in jeder Zelle ihres Ichs.

Als sie nach 6 Wochen zum ersten Mal in ihre Kleider gezogen und aus dem Gefängnis gebracht wurde, hatte sie Gehen und Stehen verlernt, strebte „Mammi, meine Mammi“ schreiend aus den tragenden Armen der Schwester zur Mutter, die neben dem Vater im Vorraum der Kinderklinik stand. Die Eltern weinten, genau wie sie selbst. Warum nur hatten ihre Mammi und Paps sie in das Gefängnis gesteckt? Weil der Kinderarzt die Isolierhaft angeordnet hatte, den Eltern jeden Besuch untersagte mit dem Hinweis auf „nur ihr Bestes“ wollen. So hatten die Eltern sie täglich hinter einer Spiegelwand stehend besucht, getrauert, den Verfall ihres Körpers erlebt und auf eigene Verantwortung ihre Entlassung erreicht.

Die Wunden dieser Folter in Isolierhaft verheilten erst im Erwachsenenalter. Bis dahin war über Jahrzehnte Verlustangst das beherrschende Thema. Erst ganz langsam lernte sie Schritt für Schritt sich selbst zu lieben, sich selbst anzunehmen und ihre innere Gefühlsleere zu füllen mit Selbstliebe. Es war ein langer und hürdenreicher Weg, bis ihre unstillbare Liebessehnsucht beendet war und sie ein Leben in Balance und lustvoll vergnügt und voll Liebe genießen konnte.