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Lebensabschnittsfreund

16/06/2015 - Texte

Eigentlich mochte sie ihn nicht besonders, mit seinem spießigen Gehabe, den fettigen Haaren und Mundgeruch. Er gehörte zum Freundeskreis ihres neuen Mannes, war verheiratet, hatte zwei halbwüchsige Töchter, lebte aber von seiner Familie getrennt in der Wohnung einer etwas älteren Frau mit Tochter. Sie hatte die beiden kennengelernt in der Wohnung der Frau: Die Frau vor dem Fernseher strickend und er daneben, das Wollknäuel haltend. Beide vom Outfit her grau, bieder, muffig und älter als ihre tatsächliche Jahreszahl. Man traf sich auf Geburtstagen, wo stets eine größere Anzahl Menschen Stillphasen überdeckte, denn sie wußte nicht, worüber sie mit ihm und ihr reden sollte. Die Frau hatte dienstags ihren Bridgeabend außer Haus, auch das paßte in die Spießigkeit.

Im Laufe der Jahre entspießte er sich, begann zu malen, entfette seine Haare, wurde sympathisch-jungenhaft – allein der Mundgeruch blieb. Sie verbrachten angenehme Stunden zu viert – sie sich mit ihm unterhaltend und ihr Ehemann mit ihr. Als ihre Ehe zu kriseln begann, wurde er ihr Freund und Seelentröster, denn er kannte ihren Mann schon sehr lange, verstand die Probleme nur zu gut, tauchten die doch immer wieder in dessen Beziehungen auf. Er sprach offen mit ihrem Mann darüber, versuchte zu vermitteln.

Irgendwann im Sommer, als ihr Mann in Urlaub weilte und es Dienstag war, rief er sie an und lud sie zu einem Spaziergang ein. Sie genoß den Sommerabend am Fluß, das Gespräch mit ihm, seine Aufmerksamkeit. Er gab ihr seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl von Gelöstheit, weit ab von ihren Eheproblemen und zuhörend ihren Alltagsgeschichten.

Sie fuhren zum Essen an einen See. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Restaurant hängte er sich locker in ihren Arm ein, blieb irgendwann unvermittelt stehen, küßte sie sanft auf die Wange, streichelte ihre Haare. Sie legte den Kopf an seine Schulter, engumschlungen gingen sie zum Restaurant und setzen sich auf die Terrasse. Von da an trafen sie sich regelmäßig im Restaurant am See, meistens dienstags. Er schenkte ihr Zeit, Worte, Verständnis, Zärtlichkeit und sie vergaß die Anspannungen ihres Alltags.

Drei Jahre später. Es war wieder Sommer. Sie hatte die Scheidung eingereicht und traf ihn zum Essen am See. Beide wußten sie, dass es das letzte Mal war. Zwar wollte er den Kontakt halten, auch ihr Freund bleiben nach der Trennung von ihrem Mann. Aber er war der Freund ihres Mannes und sie wußte aus Erfahrung, dass nach einer Scheidung aus „uns“ wieder „dein“ und „mein“ wird. Auch bei Freunden. Scheiden heißt gehen und neu anfangen.

Und so trennten sie sich ohne Tränen in dem glücklichen Bewußtsein, einen Lebensabschnitt lang einander ziemlich beste Freunde gewesen zu sein.