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So vergeht die Zeit

14/05/2015 - Texte

Sie warteten an der Ecke auf ihn und froren trotz Juli. Denn der Wind blies stark aus West über den Deich und die Sonne hatte sich hinter dicken Regenwolken versteckt, die im Moment zumindest dicht hielten.

Zwölf Personen in fortgeschrittenem Alter, gekleidet in Rentnerfarben, unauffällig und praktisch. Sie warteten schon seit 10 Minuten und wurden so langsam ungeduldig. „Weißt du um was es geht“ fragte eine Frau ihren Nachbarn. „Nein, nicht wirklich“ und in die Runde „wisst ihr um was es geht?“ „Nein“ war die eindeutige Antwort „aber wir können uns ja schon mal darüber Gedanken machen und darüber reden, bis er kommt“ sagte der Anführer der Gruppe.

Dann schwirrten Vermutungen durch die Luft, Argumente prallten gegeneinander, Meinungen wurden ins Getümmel geworfen, die verbale Schlacht war eröffnet. „Wir sollten vielleicht mal nach dem Alten sehen. Der wollte schon vor einer halben Stunde hier sein. Vielleicht hat er unsere Verabredung vergessen.“

Drei Männer marschierten auf den linken Eingang des Wohnblocks zu, an dessen Rasenkante sie bis jetzt gewartet hatten. Die Haustüre war offen. Wohl wegen der im Hausflur angeordneten Briefkästen. Sie gingen 48 Stufen hoch und klingelten an der mittleren Tür, die ohne Namensschild war. Alles blieb still. Sie klingelten erneut. Keine Reaktion. Sie klopften an die Tür. Alles blieb still. Ratlos sahen sich die Drei an. Einer holte sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte eine Nummer. In der Wohnung hinter der verschlossenen Tür, vor der sie standen, klingelte es. Aber niemand hob ab.

Sie klopften erneut gegen die Tür. Von innen wurde ein Schlüssel umgedreht, die Tür öffnete sich einen Spalt weit und ein vollbärtiger Kopf erschien: „Ach, sind wir heute verabredet“ fragte der Kopf und blinzelte mit seinen schmalen Augen erstaunt „ich hab‘ geschlafen.“ „Ja, heute ist das. Na dann zieh dich mal an und komm‘ runter“ sagten die drei und gingen zurück zu den anderen.

„Und, ist was passiert“ wurden sie erwartungsvoll begrüßt. „Ja, er hat verschlafen.“ „Ach so, na dann ist ja alles in Ordnung“ sagten sie und warteten weiter vor dem Haus am Rande der Rasenkante.