Sein oder nicht sein

Ein Mann betritt das Museumsfoyer und geht umher. „Sie wollen die Ausstellung besuchen?“ „Nein“ „Wie kann ich Ihnen dann helfen?“ „Ich komme alleine zurecht.“ Einen Moment sprachlose Stille, die der Mann unterbricht. „Wieso quatschen Sie mich überhaupt an?“ „Weil das hier ein Museumsfoyer ist und kein öffentlicher Raum.“ „Das ist ja noch schöner, kann ich nicht mal irgendwo ungestört herumlaufen, ohne dass mich gleich jemand dumm von der Seite her anmacht?“ „Ich habe Sie … “ „Lassen Sie Ihr Gequatsche“ unterbricht der Mann im Rausgehen „Sie haben mir gar nichts zu sagen und brauchen mir auch nichts zu erklären.“

Das blaue Band

Nach Wochen im Paradies trat langsam Sättigung ein. Sie wollte endlich wieder auf inspirierenden Pfaden wandern, neue Lieblingsspiele ausprobieren, Zeit bewußt inszenieren. Mit diesen alternierenden Gedanken im Kopf setzte sie ihren Hut auf, packte Schirm und Wasserflasche in die grüne Ledertasche und ging auf Entdeckungstour.

Anfangs war sie solo unterwegs, atmete im Takt der Wellen tief die salzige Luft ein. Über ihr reckte sich ein wolkenloser Himmel im Reichtum der Blauwerte. Von rechts hinten hörte sie Gänsegeschnatter. Bei gefühlten 28°C probte sie unterschiedliche Schritte im Wechsel mit Hüpfen und sich im Kreis drehen. Pappeln fächerten leicht im Wind und Vögel konzertierten eine Begleitsinfonie. Später mischten sich dahinein die Stimmen von Menschen im Flaniermodus.

Das Licht war scheinwerfergrell und sie zog die Hutkrempe tiefer ins Gesicht. Blau soweit das Auge reichte. Am Horizont die Landzunge mit der Brücke. Wenn sie ihren bisherigen Kurs beibehielt, würde sie automatisch darauf zusteuern. Sie hielt an, sammelte sich. Wollte sie wirklich das Bekannte verlassen und eine Liaison beginnen mit einer unbekannten Welt? Eine Weile oszillierte dieser Gedanke in ihrem Kopf. Sie achtete auf seine Resonanz, färbte ihn mit unterschiedlichen Emotionen ein, klopfte ihn am Ende ab auf seine Tauglichkeit.

Irgendwann fällte sie eine Entscheidung und ihr Entschluss manifestierte sich in ihrer Haltung. Sie trank zwölf tiefe Schlucke aus der Wasserflasche, zog den Schirm aus der Tasche, spannte ihn auf und bewegte sich mit energisch leichtem Schritt weiter Richtung Landende. Aufmerksam beobachtet wurde sie von den bis dahin ziellos umherschlendernden Menschen. Sobald sie die Brücke erreichte, lenkte der Erste zögernd seinen Schritt in ihre Richtung, dann ein Zweiter, Dritter, Vierter… Fast schien es, als wäre sie durch Hut und Schirm zur Reiseführerin mutiert die ganz genau weiß, wo’s lang geht. Dabei war sie im Grunde genauso ahnungslos wie alle anderen, hatte sich lediglich für etwas entschieden und steuerte das mit entschlossener Haltung zielgerichtet an. Davon jedoch ahnte niemand etwas, das wußte sie nur ganz allein. Mit einem lustvoll vergnügten Lächeln nahm sie die ihr zugedachte Führungsrolle an. Die anderen folgten ihr.

Luxus

Sturzbetrunken auf dem Kopfsteinpflaster
Heldenreise in die Einsamkeit
Lustvolles Vergnügen
Sattheit
Zufriedenheit
Überfluss
Klangfülle
Schlafen.

Herbsttanz

Ein langer Rüssel stand wie ein drittes Bein von ihm ab, gehalten von seinen Händen. Auf dem Rücken trug er einen Rucksack und auf den Ohren Kopfhörer.

Er überquerte den Zebrastreifen und betrat den Gehweg entlang des Gartens, in dem die Bäume ihre schütter belaubten Äste über die Mauer streckten wie die Finger an der Hand eines Riesen.

Ganz langsam begann er mit einem Lächeln im Gesicht den Tanz, indem er seinen Rüssel mit beiden Händen rhythmisch immer wieder in Richtung laubbedeckter Erde reckte, ihn durch das bunte Herbstlaub führte, um dann auf die wild aufwirbelnden Blätter zu zielen. So, als wolle er jedes einzelne von ihnen zum Tanz auffordern oder zumindest an eine andere Stelle bewegen als der, die das Blatt beim Fallen vom Baum eingenommen hatte.

Vergnügt bewegte er sich über den Gehweg, immer noch lächelnd. Ein fröhlicher Mann mittleren Alters, der auf moderne Weise seinen Traum von einem Elefantenrüssel mit Hilfe eines Laubbläsers auslebte.

Oktobermorgen

Auf meiner Morgenrunde über abgebrochene Ãste gestiegen, Wind befeuert unermüdlich Laubfall.

Mein Kastanienblättervorhang löchert sich, lückenweise beginnt der Blickkontakt zur Gegenüberwohnung.

Grammatik am Freitag

Wer macht sich da breit in ihrem Kopf? Sie widmet ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Sieht dunkle Masse. Wie Hefeteig der sich ausdehnt, den Schädel mit einer Decke auskleidet. Als Schutzschicht? Gegen globale Hyperzeit und routiniertes Desinteresse?

Einer spukhaften Fernwirkung gleich nimmt sie holzig-rauchige Männchen wahr, die sich in den Teig stürzen. Sie gehen auf Vokabelpirsch und schwelgen in Worten, die sich in der Masse verstreut haben. Klopfen sie hemmungslos subjektiv ab auf ihre kraftstrotzende Eignung. Werten heiter-besonnen ihren temporären Klang. Fügen zusammen und komponieren ein herausragendes Kapitel. Mit spielerischer Fantasie und schnickschnackfreien Träumen.

Sie dürfen ihr nicht ausgehen, die Worte. Denn sonst weicht ihre Kraft und jede Krise droht sie wortlos zu überwältigen. Sie will nach Lust und Laune eine Liason eingehen, mit neuen Vokabeln. Denn was sie gelernt hat, trägt sie nicht mehr – so auf offener See – mit weit und breit keinem Land in Sicht.

Liebe. Für immer.

Ich bin eine pragmatische Frau, die Dinge anpackt. Und auch der Liebe gerne mal auf die Sprünge hilft. In einer Solophase meines Lebens verfasste ich deshalb eine Heiratsanzeige.

Einer der Bewerber war ein Roland Liebe. Schöner Name, dachte ich. Nettes Foto auch. Deshalb verabredete ich mich mit ihm zu einem Sonntagsbrunch.

Wir sahen, umarmten, küßten uns und nach drei Stunden sagte er zu mir „ich kann mir vorstellen, mit dir für immer zusammenzuleben.“

Unser „für immer“ dauerte exakt 222 Monate und 22 Tage. In dieser Zeit

  • heirateten wir und ich bekam meinen Namen.
  • lebten wir zu zweit ein wundervolles gemeinsames Leben.
  • waren zu dritt ein „gut funktionierender Mikrokosmos Familie“, wie mein Sohn das formulierte.
  • und hatten darüber hinaus jeder auch sein eigenes Leben. Mit Passionen und polyamor. Voll Liebe halt. Der Name verpflichtet  😎

Roland war mit Leib und Seele Naturwissenschaftler und wenn ihn etwas fesselte, herrschte schon mal Ausnahmezustand. Als seine Bionik-Passion begann wurde ich oft gefragt „womit beschäftigt sich ihr Mann eigentlich so intensiv“, wenn ich einer gemeinsamen Einladung mal wieder alleine folgte. „Mit Vögeln“ war dann meine Antwort. Um ein paar irritierte Blicke oder „Ah, ihr Mann ist Ornitologe“-Ausrufe später zu ergänzen „mit dem Auf- und Abtrieb von Vögeln.“

Als mein lieber Mann nach circa drei Monaten verkündete, dass er jetzt alles berechnet habe, hoffte ich, wir würden wieder zu einem „normalen“ Leben zurückkehren.

„WAS! Wieso denn das? Das war doch nur EIN Vogel. Weißt Du wieviele Vögel es gibt?“

Nein. Wußte ich nicht. Und zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass nach den Vögeln die Libellen, Insekten und Fische kamen.

In dieser Zeit bekam unsere Ehe eine neue Qualität. Wurde auch zu einer Arbeitsgemeinschaft. Denn auch mich interessierten „schon immer“ Natur und Technik. So war ich stets die Erste, die von seinen neusten Gedanken, Berechnungen, Erkenntnissen, Ableitungen und Patentvorstellungen erfuhr. Wir erlebten Glück in allen Facetten – beruflich und privat – genossen unser Leben mit allen Sinnen. Bis zur Krebsdiagnose.

Es folgten Monate der Verzweiflung und Wut, Fassungslosigkeit und Trauer – im Wechsel mit Hoffnung …. Normalität …. und ganz vielen, intensiven Glücksmomenten.

Dann war scheinbar aus heiterem Himmel die Endphase eingeläutet. Die Metastasen hatten sich im ganzen Körper ausgebreitet.

An einem Montagabend überraschte Roland mich und uns mit der klaren Ansage, er wolle nicht mehr kämpfen, sondern würdevoll sterben. Mein Sohn rief seine Freundin an, die alles stehen und liegen lies und sofort zu uns kam. Dann setzten mein Sohn, seine Freundin, Roland, sein Sohn und ich uns zu  einem Kreis zusammen und hielten uns schweigend an den Händen.

Tags drauf nahm sein Sohn von ihm Abschied und flog wie geplant nach Hause und Roland und ich klärten alles, was ihm wichtig war, formulierten gemeinsam seine Todesanzeige, planten detailliert seine Abschiedsfeier. So sollte ich an diesem Tag in der Galerie eine Ausstellung mit seinen Bilder machen – er war auch ein Künstler,  alle Gäste in farbiger Kleidung erscheinen und wir alle zusammen fröhlich seiner gedenken.

Abends und nachdem alles zu seiner Zufriedenheit geregelt war, hatte er riesigen Hunger. An seinem Bett sitzend aßen mein Sohn und ich gemeinsam mit ihm Spinat und Kartoffeln. Danach erzählte er uns von seiner neuen Welt.

„Da will ich mit euch leben. Da ist alles so schön.“ „Wie im Paradies“ fragte mein Sohn. „Ja, wie im Paradies“. „Und was ist mit deiner alten Welt, Roland“ „Die ist zerstört. Vor 2 oder 3 Tagen ist etwas passiert, aber ich weiß nicht was. Das hat sie zerstört.“

Am nächsten Morgen haben Roland und ich gemeinsam gefrühstückt und dann so lange miteinander geschmust, bis er ganz entspannt in meinen Armen einschlief. Irgendwann in der Nacht hat er seine Atmung eingestellt.

Sterben stellten Roland und ich uns immer so vor, dass der Geist den Körper verlässt und ins Universum wechselt. Oder in ein Lieblingstier – weiß man’s?

Ich jedenfalls begrüße Graureiher immer ganz fröhlich mit „hallo Roland“. Denn das waren hier im Rheinland seine Lieblingsvögel.

Von SinnesLust bis Quickie

„Immer wieder nehme ich mir vor, langsam zu essen“, sagt die Frau am Nachbartisch zu ihrer männlichen Begleitung. „Aber dann mache ich doch wieder so schnell und bevor ich das Essen so richtig genießen kann, ist alles schon auf dem Weg in die Verdauung.“ „Ach, das kenn ich“, bestätigt die Männerstimme, „das geht mir genau so!“

Konsumieren und sich „den Bauch voll schlagen“ ist nach meiner Beobachtung ein weit verbreitetes Phänomen und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht, Beruf und Art des Essens oder Restaurants: Ich traf es in Imbissstuben genauso wie in Speisegaststätten oder Sternekochtempeln.

Genießen diese Menschen mit ihrem Bauch, statt mit ihren Sinnen? Bereitet ihnen das Sattsein an sich Wohlbefinden? Ist Essen für sie eine lästige Pflicht, die sie zur Lebenserhaltung schnell hinter sich bringen wollen? Oder steckt dahinter das Belohnungssystem: „Je schneller ich esse, je besser, denn dann bekomme ich mehr.“ Dieser quantitative Faktor kann leicht süchtig machen.

Und Sie? Wie halten Sie es mit Ihren Mahlzeiten? Genießen Sie Ihr Essen als Augenschmaus mit Geruchs- und Geschmackserlebnis oder eher als Quickie?

Wie auch immer: Ich wünsche Ihnen stets den für Sie richtigen Genuß 🙂

Die Bedenken sind frei

Martinsmarkt bei strahlend-warmem Sonnenwetter. Unendlich viele Menschen sind auf den Beinen, bummeln über den mit Hütten und kulinarischen Ständen gesäumten Boulevard.

Die Gesichter jedoch erinnern mich manchmal an eine Zwangsveranstaltung, so lustlos bis missmutig schlendern viele durch den Sonntag; und einige beschweren sich lauthals, dass es viel zu warm ist für November.

Ein Stand mit Fußkissen in leuchtenden Farben entlockt Vorbeiziehenden ein fröhliches Lachen. Immer wieder machen sich Menschen gegenseitig auf diese praktische Kreation aufmerksam, ganz oft verbunden mit einem „was für eine schöne Idee“. Und viele lassen eine Hand oder beide in den kuscheligen Fußlöchern verschwinden, während ein Lächeln ihr Wohlbefinden anzeigt.

Aber dann ist auch schon Schluß mit lustig: Am Ende der haptischen Erkundung geht ihr Gesicht zurück in den Ausgangszustand und Bedenken artikulieren sich: „Schön sind die und so weich und warm! Aber was ist, wenn ich aufstehen muß? Dann falle ich hin!“

Falls die Person sich nicht selbst bedenklich äußert, ist garantiert eine Begleitung in ihrer Nähe, die genau das tut und behauptet, die Person würde ganz bestimmt hinfallen, wenn sie das Teil benutzt und aufstehen müßte. Einige besonders interessante Paardialoge: SIE sinngemäß „damit könnte ich mir gut meine Füsse wärmen.“ ER antwortet eine dieser Varianten:

  • „Dafür hast du mich, da brauchst du sowas doch nicht.“
  • „Kommt nicht in Frage! Wer soll mir denn dann mein Bier aus dem Kühlschrank holen?“
  • „Nein, damit fällst du nur hin, wenn du zum Klo mußt.“
  • „Und was ist, wenn es an der Tür klingelt oder das Telefon? So schnell kommst du doch gar nicht aus den Puschen raus!“

Nur einmal erlebte ich diese Mannerantwort: „Dann such dir doch eins aus und kauf es dir!“ Sie wählte strahlend aus der Vielfalt ein sommerbuntes Teil.

Für mich sind immer wieder zwei Dinge faszinierend:

  • Dass Menschen sich aus Angst vor einer vermeintlichen Gefahr von Freude und Wohlbefinden selbst abschneiden.
  • Dass Menschen wegen ihrer eigenen Bedenken andere dazu bringen, auf Freude und Wohlbefinden zu verzichten.

Angst – vor was und wie klein auch immer – knipst Freude aus: Kein Wunder, dass uns im Alltag so wenig strahlende Gesichter begegnen.