Das blaue Band

Nach Wochen im Paradies trat langsam Sättigung ein. Sie wollte endlich wieder auf inspirierenden Pfaden wandern, neue Lieblingsspiele ausprobieren, Zeit bewußt inszenieren. Mit diesen alternierenden Gedanken im Kopf setzte sie ihren Hut auf, packte Schirm und Wasserflasche in die grüne Ledertasche und ging auf Entdeckungstour.

Anfangs war sie solo unterwegs, atmete im Takt der Wellen tief die salzige Luft ein. Über ihr reckte sich ein wolkenloser Himmel im Reichtum der Blauwerte. Von rechts hinten hörte sie Gänsegeschnatter. Bei gefühlten 28°C probte sie unterschiedliche Schritte im Wechsel mit Hüpfen und sich im Kreis drehen. Pappeln fächerten leicht im Wind und Vögel konzertierten eine Begleitsinfonie. Später mischten sich dahinein die Stimmen von Menschen im Flaniermodus.

Das Licht war scheinwerfergrell und sie zog die Hutkrempe tiefer ins Gesicht. Blau soweit das Auge reichte. Am Horizont die Landzunge mit der Brücke. Wenn sie ihren bisherigen Kurs beibehielt, würde sie automatisch darauf zusteuern. Sie hielt an, sammelte sich. Wollte sie wirklich das Bekannte verlassen und eine Liaison beginnen mit einer unbekannten Welt? Eine Weile oszillierte dieser Gedanke in ihrem Kopf. Sie achtete auf seine Resonanz, färbte ihn mit unterschiedlichen Emotionen ein, klopfte ihn am Ende ab auf seine Tauglichkeit.

Irgendwann fällte sie eine Entscheidung und ihr Entschluss manifestierte sich in ihrer Haltung. Sie trank zwölf tiefe Schlucke aus der Wasserflasche, zog den Schirm aus der Tasche, spannte ihn auf und bewegte sich mit energisch leichtem Schritt weiter Richtung Landende. Aufmerksam beobachtet wurde sie von den bis dahin ziellos umherschlendernden Menschen. Sobald sie die Brücke erreichte, lenkte der Erste zögernd seinen Schritt in ihre Richtung, dann ein Zweiter, Dritter, Vierter… Fast schien es, als wäre sie durch Hut und Schirm zur Reiseführerin mutiert die ganz genau weiß, wo’s lang geht. Dabei war sie im Grunde genauso ahnungslos wie alle anderen, hatte sich lediglich für etwas entschieden und steuerte das mit entschlossener Haltung zielgerichtet an. Davon jedoch ahnte niemand etwas, das wußte sie nur ganz allein. Mit einem lustvoll vergnügten Lächeln nahm sie die ihr zugedachte Führungsrolle an. Die anderen folgten ihr.