Am Anfang war das Wort

Sie hatte ja keine Ahnung, was es so alles gab. Woher auch: Katholisch erzogen mit Sex als Sünde, wenn ihm außerhalb von Kinderwunsch gefrönt wurde. Dieser Vorstellung entsprechend hatte sie sich für „den einen Mann“ aufgehoben, den geheiratet, ihm die Treue gehalten.

Er war 26 Jahre älter als sie, charmant und erfahren, was sie bei ihrer ersten Begegnung als 18jährige Jungfrau sehr schätzte. Nachdem sie vier Kinder geboren hatte, verlor er das körperliche Interesse an ihr. Sie fügte sich in ihre Rolle als Hausfrau, Mutter und Frau an seiner Seite, die ihm als erfolgreicher Unternehmer den Rücken frei hielt. Allerdings befreite sie sich im Laufe der Zeit aus den Fallstricken ihres Glaubens und erzog ihre Kinder tolerant und liberal.

Jetzt war ihr Mann nach 28 Jahren Ehe gestorben, ihre Söhne und Töchter erwachsen und sie begriff, dass sich ihr jetzt – mit 48 Jahren – die Chance bot, alles auf Anfang zu setzen und ein neues Leben zu beginnen.

Über einen Link, den sie zufällig beim nächtlichen Surfen im Internet fand, gelangte sie auf eine Sexplattform und meldete sich spontan an. Nickname finden und Passwort vergeben war einfach, danach wurde sie Schritt für Schritt angeleitet, um für sich ein Profil zu erstellen.

Der Anfang war leicht: Geburtsdatum zur Ermittlung des Alters wurde erfragt und Fragen nach Größe, Gewicht, Figur, Haarfarbe und –länge, Augenfarbe und all die Äußerlichkeiten. Auch ihre BH-Körbchengröße, wobei diese Plattform eine maximale Größe von H kannte; dabei gab es auch noch weiterführende Körbchen bis Größe M 🙂

Dann wurde es für sie ziemlich unbekannt: Ihre sexuellen Vorlieben wurden erfragt und es gab jede Menge Fachausdrücke in alphabetischer Reihenfolge, die ihr zum ersten Mal begegneten. Unter Analsex, Kuschelsex, Oralsex, Nyphoman und Poppen konnte sie sich etwas vorstellen. Aber was bitte verbarg sich hinter Bondage, Fisting, Gangbang, Polyamorie oder Squirting?

Sie fing an die Worte zu google – ah, so hieß das, das war das, interessant – ein breites Lächeln schönte ihre Lippen und sie fühlte sich zurückversetzt in ihre Schulzeit und den sogenannten Aufklärungstag in einem Kloster: Ein Mönch hatte ihr und ihren Mitschülerinnen seine Vorstellung von „Ehe“, „Vereinigung“, „Empfangen“, „Vertrauen“ und „Liebe zum Herrn“ vermittelt.

Am Anfang war das Wort. Am Ende auch. Allerdings damals mit großen Fragezeichen, die ihr niemand erklärte. Heute enträtselte sie die ihr fremden Begriffe mühelos am Computer und freute sich sehr, in diesem Zeitalter des vernetzten Wissens zu leben 🙂