Teufel im Fluss

Ich weiß nicht, was der Auslöser war. Vielleicht eine Akupunktur meiner chinesischen Ärztin am Vortag, die alles zum Fließen bringen sollte, was sich in meiner Mitte staute.

Der Morgen fing eigentlich ganz harmlos an. Ich wachte relativ schmerzfrei auf, hatte keine eingeschlafenen Arme und die Krämpfe in meinen Beinen blieben aus. Ich stand auf, ging ins Bad, putzte mir die Zähne und schaufelte mir warmes Wasser ins Gesicht. Dann platzierte ich meine weichen Kontaktlinsen auf den Augäpfeln und betrachtete mich im Spiegel. „Ganz schön alt für mein Alter“, schoß es mir dabei durch den Kopf. Sofort meldete sich mein Gewissen: „Du siehst nicht alt aus, sondern reif. Das sind Lebenslinien und Erfahrungen und Deine grauen Haare ein Zeichen von Weisheit.“

Ich schluckte diese Weichmacher runter, erinnerte mich aber gleichzeitig an einen Spruch meiner Mutter. Die hatte bis zu ihrem 70. Geburtstag lediglich zum Lesen eine Brille angezogen und zum Kartoffeln schälen. Dann leistete sie sich auf mein Drängen eine Brille mit Gleitsichtgläsern und war entsetzt als sie damit zum ersten Mal die Welt betrachtete: „Oh mein Gott, ist das hier überall schmutzig. Meine Güte, wieviele Falten ich habe. Das ist ja schrecklich.“ Plötzlich sah sie alls klar und scharf. Ein Stück Illusion ging verloren. Später, als sie krank wurde, hat sie die Brille nicht mehr getragen und sich wieder in ihrer unscharfen Welt eingerichtet.

Um mich mit meinem Anblick zu versöhnen, tönte ich meine Haut sonnig, feuchtete meine Haare an, die dann dunkler erscheinen, tuschte die Wimpern wasserfest und färbte meine Lippen bräunlich Rot.

Irgendwann an diesem Tag stieg Hass in mir auf. Spontan und grundlos. Hass auf den Typen neben mir, der mir seit einiger Zeit bei Begegnungen mit ihm seine Schmerzen bis ins kleinste Detail schilderte.

Hass auf den Typen, der mich anmachte weil er meinte, ich hätte mein Auto zu nah an seinem geparkt und er könne mit seinem Polo aus der Parklücke hinter mir nicht rausfahren, obwohl vor und hinter diesem Spielzeugauto genug Platz war.

Hass auf den Handwerker, der den Putz von der Wand kratzt, ohne vorher die Musikinstrumente abzudecken, obwohl ich ihn ausdrücklich darum gebeten hatte.

Hass auf all diese Menschen, die mir begreiflich machen wollen, dass alles doch gar nicht so schlimm ist, dass ich doch eigentlich gar keinen Grund hätte, mich zu beklagen, weil ja alles auch viel schlimmer kommen könnte. Und dass alles nur eine Sache des Blickwinkels sei und ich nur einfach positiv Denken müßte und schon wäre alles besser. ICH WILL ABER NICHT!

Das Fass zum Überlaufen brachte an diesem Tag ein lieb gemeintes Geschenk von einer lieben Freundin: „Das kleine Buch der Engel“ von Anselm Grün. Ich blätterte darin und las dieses Gesülze über Licht in die Finsternis lassen, positive Gedanken pflegen und jemanden einen Engel an die Seite stellen.

VERDAMMT NOCH MAL: Warum schenkt mir niemand ein Buch über Teufel? Warum stellt mir niemand einen Teufel zur Seite, der mich beschützt und leitet? Warum darf ich kein Teufel sein? Yin und Yang gehören in Asien zusammen. In der westlichen Welt will jeder nur ein Engel sein oder haben. Den Teufel in uns vernachlässigen wir. Den verstecken wir. Zu dem will niemand stehen, sich dazu bekennen, auch mal gerne ein Teufel zu sein. Außer im Karneval. Vielleicht ist er deshalb so präsent, denn wir bekommen angeblich doch immer das, was wir nicht wollen.

Es war der Tag, an dem ich mein Selbst-Experiment startete: Was passiert, wenn ich immer genau das tue, was normalerweise nicht erstrebenswert erscheint?

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mir die Wanne voll heißes Wasser laufen liess, rotes Badesalz einstreute und mir vorstellte, dass das mein Blut ist, mit dem ich den ganzen angestauten Altkram aus mir heraus fliessen lasse 🙂